Sieben Leben in einem Bass – John Goldsby zu Gast in Benny's Lounge

Sieben Leben in einem Bass – John Goldsby zu Gast in Benny's Lounge

Benny’s Lounge, Folge 13 · 24. Oktober 2026 · Dorfgemeinschaftshaus Lindenholzhausen


Es gibt Abende, an denen man schon beim Hereinkommen merkt, dass es eng wird. Am 24. Oktober war das Dorfgemeinschaftshaus in Lindenholzhausen so voll, dass die Kulturvereinigung Limburg in ihrer Begrüßung schon scherzte, man müsse sich wohl bald nach einer größeren Halle umsehen. Aus einer Reihe, die einmal mit rund 45 Gästen in der Musikschule begonnen hat, ist eine feste Größe geworden. Und an diesem Abend saß auf dem Gästestuhl ein Mann, über den Benjamin Steil in seiner Anmoderation sagte, er habe „in seinen 68 Lebensjahren gefühlt sieben Musikerleben gelebt“: der Bassist John Goldsby.

Für mich war es der dritte Besuch in Benny’s Lounge. Davor hatte ich den Trompeter Marvin Frey und den Vibrafonisten Matthias Strucken auf dem Gästestuhl erlebt, und schon da hat mich überzeugt, wie gut Jazz, ein Talk-Sofa und Samstagabend-Unterhaltung zusammenpassen. Wer das Format noch nicht kennt, kann es sich kaum vorstellen. Wer einmal da war, kommt wieder.


Impressionen vom Abend

Eine Fernsehshow ohne Fernsehen


Das Konzept ist schnell erklärt und trotzdem schwer zu beschreiben. Benjamin Steil, Holzbläser, Komponist, Arrangeur und seit 2007 Leiter der Bigband des Jazzclub Limburg, schlüpft zwei- bis dreimal im Jahr in die Rolle eines Showmasters. Es gibt eine Titelmelodie (selbst komponiert, natürlich: „Benny’s Lounge“), es gibt Jingles, es gibt Rubriken mit Namen wie „Heißer Stuhl“, „Pausenhof“ oder „Let’s Talk About“, und es gibt eine Hausband, die das alles mit stoischer Souveränität trägt. Mit Jerry Lu am Klavier, David Andres am Kontrabass und Thomas Sauerborn am Schlagzeug stand an diesem Abend eine Rhythmusgruppe auf der Bühne, die sich vor dem Gast keine Sekunde verstecken musste.

Der Gast bestimmt das musikalische Programm, verrät aber vorher nichts über das Gespräch, denn Steil erzählt seinen Gästen die Fragen bewusst nicht. Das Ergebnis sind spontane Antworten, manchmal im wunderbar charmanten Deutsch eines Amerikaners, der seit über 30 Jahren in Köln lebt. Goldsby selbst brachte es gleich zu Beginn auf den Punkt: Man frage sich ja immer, „woher kommt der Typ mit dem komischen Akzent?“

Steil warnte uns auch vor: Gefilmt werde mit, das Publikum sei aber meist nur von hinten zu sehen. Wer mit jemandem hier sei, mit dem er später nicht gesehen werden wolle, habe jetzt noch die Gelegenheit. Und Applaus dürfe gern laut sein, es gebe extra Mikrofone dafür. „Das ist kein Witz.“


Sergio und der heiße Stuhl


Nach der Titelmelodie ging es musikalisch sofort nach Brasilien. „Sergio“ ist eine Komposition von Goldsby, die er einem Reiseleiter gewidmet hat, der ihn und seine Frau auf einer Brasilienreise begleitet hat. In den sozialen Medien hat er das Stück damals augenzwinkernd unter einem Hashtag à la „Songs dedicated to tour guides“ geteilt. Man hört dem Stück diese Herkunft an: federnde Rhythmik, viel Sonne, und Goldsbys Bass, der unaufgeregt und doch unüberhörbar alles zusammenhält.

Dann kam der „Heiße Stuhl“: 90 Sekunden Schnellfragen, Antworten möglichst in einem Wort. Ein paar Ergebnisse, die mehr über den Menschen verraten, als man denkt:

  • Was hat dich als Kind begeistert? Baseball.

  • Papierbuch oder E-Book? E-Book.

  • Big Band oder Trio? „Ja.“ (Großes Gelächter.)

  • Welcher Bassist hat dich am meisten geprägt? Red Mitchell.

  • Wenn ich nicht Bass spielen würde, wäre ich … Gitarrist.

  • Kontrabass oder E-Bass? Kontrabass.

  • Kaminfeuer oder lauer Sommerabend? Sommerabend.

  • Aktuelle Lektüre? Eine Biografie über Charles Ponzi, den Mann, nach dem das Schneeballsystem benannt ist.

Später erfuhren wir noch, dass er selbst schon eine Jazz-und-Talk-Reihe in Köln moderiert hat. Steil verglich die Situation damit, Günther Jauch einmal auf den Kandidatenstuhl zu setzen. Goldsby nahm es sportlich.


Zeitreise nach Louisville


In der ersten richtigen Gesprächsrunde ging es zurück an den Anfang. John Goldsby wurde am 10. Dezember 1958 in Louisville, Kentucky, geboren. Sein Vater war Baptistenprediger, seine Mutter spielte Kirchenklavier, von ihr lernte er die ersten Töne am Klavier. Sechs, sieben Tage die Woche Kirche, „zwangsmäßig“, wie er lachend sagte. Gesungen wurden vierstimmige Hymnen, vom Blatt, und der junge John suchte sich jedes Mal aus, welche Stimme er mitsingen wollte. Wer heute hört, wie selbstverständlich er sich in einem Satz von Akkorden bewegt, ahnt, wo diese Schule begonnen hat.

Der Weg aus der Kirche führte über die Garage. Drei Gitarristen und ein Schlagzeuger probten dort, und irgendwann stellte jemand fest, dass drei Gitarren, die alle dasselbe spielen, vielleicht nicht ideal sind. „Wir brauchen einen Bassisten.“ John dachte sich: Einen Bass kann ich irgendwo auftreiben. So fing es an. Einer musste es ja machen.

Zum Jazz kam er in der achten Klasse, und zwar durch einen Namen, der an diesem Abend noch öfter fallen sollte: Jamey Aebersold. Der berühmte Jazzpädagoge stammt aus der Gegend von Louisville und spielte mit seinem Quintett an Johns Schule. „Ich habe das nicht verstanden“, erinnerte sich Goldsby, „aber es war sehr interessant.“ Damit begann seine Reise.


Ein Junge zwischen zwei Welten


An dieser Stelle wurde das Gespräch ernster, und ich fand es bemerkenswert, wie offen beide damit umgingen. Steil sprach es direkt an: Wer 1958 geboren wurde und in den 60er Jahren in Kentucky aufwuchs, an der Grenze zu den Südstaaten, erlebte die härteste Zeit der amerikanischen Rassentrennung.

Goldsby erzählte, dass ihm das erst langsam bewusst geworden sei. Seine Kirche war eine weiße Kirche, Schwarze und Weiße lebten getrennt. Im Religionsunterricht hörte er, alle Menschen seien vor Gott gleich, aber in seinem Alltag war das schlicht nicht der Fall. Diesen Widerspruch habe er als Kind nicht verstanden. Erst mit 16, 17 Jahren lernte er schwarze Musiker persönlich kennen, als er mit seinen Bands in der Innenstadt spielte statt in den Vororten. „Da habe ich gemerkt: Es gibt andere Leute auf der Welt, andere Musik und andere Lebensstile.“ Und auch: dass manche Menschen in einer Welt leben, die sie sich vorstellen, die aber nicht wahr ist.

Besonders eindrücklich war seine Schilderung der Schulzeit. Mitte der 70er Jahre ordnete ein Gericht in Louisville die Aufhebung der Rassentrennung an den Schulen an, schwarze Schülerinnen und Schüler aus dem Westen der Stadt wurden mit Bussen in die Schulen im Osten gefahren und umgekehrt. Von einem Tag auf den anderen saß John in einer Schule, in der plötzlich Hunderte schwarze Mitschüler waren, wo es vorher kaum welche gegeben hatte. „Das war natürlich sehr komisch.“ Heute sei vieles gemischter, sagte er, „aber nicht ganz gleichberechtigt“.

Steil schlug von dort den Bogen zur Musik: Jazz war immer auch politisch. Er erinnerte an Max Roachs „Freedom Now Suite“ und an John Coltranes „Alabama“, die Reaktion auf den Bombenanschlag auf eine Kirche in Birmingham 1963. Goldsby antwortete mit seiner eigenen Erfahrung: Er wuchs in der Zeit der Hippies und der Gegenkultur auf, zwischen jungen, liberalen Leuten und einem Establishment, das an alten Überzeugungen festhielt. „Musik war für mich eine Freiheit. Ich konnte mich selbst durch die Musik ausdrücken.“


Mit 20 auf der Bühne mit Legenden


1979, mit gerade einmal 20 Jahren, wurde er Bassist im Haustrio eines Jazzclubs in Louisville. Dort begleitete er durchreisende Größen wie den Sänger Johnny Hartman, den Trompeter Tom Harrell und den Gitarristen Barney Kessel. Dazu kamen Begegnungen mit Musikern, die in Louisville lebten: der Gitarrist Jimmy Raney und die Sängerin Helen Humes, die einst mit Count Basie gesungen hatte.

Hat er damals gedacht: Wow, ich stehe mit Legenden auf der Bühne? Nein, sagte er. Er habe gedacht: Die können richtig gut spielen. Und er selbst sei Anfänger gewesen, habe „mehr oder weniger in Time“ gespielt, nicht viele Stücke gekannt, aber jeden Tag geübt, Platten gehört und Stücke auswendig gelernt.

Nach etwa einem Jahr war der Clubjob vorbei, und John fand sich in einer Band wieder, die Donna Summer und die Bee Gees nachspielte. Sein Fazit: „Das kann nicht wahr sein.“ Freunde in New York boten ihm an, er könne bei ihnen im Flur schlafen. Er packte sein Auto und fuhr los. „Das Beste, was ich machen konnte.“

Nach diesem Teil spielte die Band „Fall Calls“, wieder eine Goldsby-Komposition, die so perfekt in diese Herbstwoche passte, als hätte man sie bestellt: warm, ein wenig melancholisch, eine Ballade mit der Gemütlichkeit eines heißen Tees.


Knoff-Hoff: Jaguar gegen Hyundai


In der Rubrik „Knoff-Hoff“ ging es um das Instrument selbst. Steil hatte nachgelesen, dass die teuerste Geige der Welt, eine Stradivari, 2025 für 23 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt habe, und dass in Sinfonieorchestern oft jahrhundertealte Kontrabässe gespielt werden. Wie ist das im Jazz?

Goldsbys Antwort war entwaffnend: „Ein Instrument ist so gut wie der Spieler, der es spielt.“ Er habe sehr teure Bässe gespielt, aber das sei wie mit einem Jaguar, mit dem man alle drei Wochen in die Werkstatt müsse. „Der Jaguar kommt genauso an wie mein Hyundai, wenn wir zum gleichen Ort fahren.“ Er besitze auch einen rund 100 Jahre alten Bass, der wunderbar klinge, aber es rappele immer irgendwo, und mit dem fahre er nicht Hunderte Kilometer durch die Kälte. Unter Bassisten gebe es einen gewissen „Angeberbereich“ mit Instrumenten aus dem 18. Jahrhundert, aber er sei da nicht anspruchsvoll: Wenn ein Bass sich gut spielen lasse, sei er glücklich. Sein „Problem“ sei eher, dass er fast jeden Bass, den er spielt, erst einmal für einen Superbass halte.

Bei den Saiten ist er seit fast 50 Jahren treu. Als er in den 80er Jahren Unterricht bei Dave Holland nahm, erzählte ihm Holland, er spiele Thomastik Spirocore. „Wenn sie gut genug für Dave Holland sind, sind sie auch gut genug für mich.“ Unter Bassisten probiere man ständig neue, teure Saiten aus, sagte er, und kehre am Ende doch zu den alten Spirocores zurück.

Spannender noch war die Frage, was ein Bassist im Jazz eigentlich tut. Grundtöne, Groove, Timing, gute Intonation. Aber vor allem: zuhören. Er versuche, die Musiker auf der Bühne zu hören und das Publikum „ein bisschen zu hypnotisieren“, und das fange immer mit Bass und Schlagzeug an. In einer großen Big Band sei der Bass Teil einer Maschine, in einer kleinen Besetzung könne er mehr Überraschungen anbieten. Und wie viel ist beim Walking Bass bewusst geplant? In seinem Alter vor allem Erfahrung. Er könne alles theoretisch erklären, vorher oder hinterher. Aber im Moment sei es wie Geschichtenerzählen: fünf Musiker, die sich gegenseitig eine lustige oder bedeutungsvolle Geschichte erzählen.


Lehrer für Generationen


Goldsby ist auch Autor. Sein Buch über Bogentechnik für improvisierende Bassisten („Jazz Bowing Techniques for the Improvising Bassist“, 1990) entstand, weil er beim Üben stapelweise Material gesammelt hatte und es schlicht kein Jazz-Lehrbuch zur Streichtechnik gab. Jamey Aebersold riet ihm zunächst ab: „Keiner wird das kaufen. Schreib lieber ein Saxofonbuch.“ Er machte es trotzdem. Später folgte „The Jazz Bass Book“ (2002), eine Geschichte des Jazzbasses in Porträts, von den 1920ern bis etwa 1970. An der Fortsetzung bis heute arbeitet er gerade, es gebe schließlich noch viele gute Bassisten.

Steil, der selbst immer wieder in der WDR Big Band aushilft, erzählte, dass bei den Probespielen um Goldsbys Nachfolge praktisch alle Kandidaten von ihrem Respekt vor seinen Lehrwerken gesprochen hätten.

Dann folgte die schönste Pointe des ersten Teils. Steil fragte ins Publikum, wer schon einmal mit John Goldsby Musik gemacht habe. Keine Hand. Und wer schon mal mit einem Aebersold-Play-along geübt habe? Etliche Hände. Goldsby ist auf einer ganzen Reihe dieser legendären Übe-Platten der Bassist. Gut möglich also, dass ein Teil des Saals schon im heimischen Wohnzimmer mit ihm gespielt hatte, ohne es zu wissen. Aufgenommen wurden die meisten, so Goldsby, in Jameys Keller. „Low Budget.“


Zwei Standards zum Preis von einem


Jeden Gast fragt Steil vorab nach seinem Lieblingsstandard. Goldsby tat sich schwer und fand ein Schlupfloch, um zwei Stücke unterzubringen. Die Basis ist „Embraceable You“ von George und Ira Gershwin, geschrieben 1928 und zwei Jahre später im Musical „Girl Crazy“ uraufgeführt. Charlie Parker nahm die Akkorde dieses Stücks und schrieb eine neue, verwinkelte Bebop-Melodie darüber: „Quasimodo“, aufgenommen im Dezember 1947, unter anderem mit einem jungen Trompeter namens Miles Davis.

Steil erklärte dabei den Hintergrund solcher „Kontrafakturen“: Wer eine neue Melodie über bekannte Harmonien schreibt, kann Urheberrechte daran anmelden und kassiert die Tantiemen selbst, statt sie den Gershwins zu überlassen. Die Band spielte erst das Thema von „Embraceable You“, improvisierte und schloss mit dem Thema von „Quasimodo“. Man hörte direkt, wie sehr sich die Musik in nicht einmal 20 Jahren verändert hatte.


You Can Call Him Maestro


Bevor es in die Pause ging, kam die obligatorische „Werbeunterbrechung“: Die Abendkasse hatte sich in einen Plattenladen verwandelt (Steils Tipp für alle ohne CD-Player: CDs eignen sich hervorragend zum Schrottwichteln), es lag eine Liste für den E-Mail-Verteiler aus, und der „Benny’s Lounge Briefkasten“ wartete auf Publikumsfragen für den zweiten Teil.

Dann ein kleines Call-and-Response-Spiel mit dem Publikum, passend zu den Ehrentiteln des Jazz. „Duke“, „Count“, „King of Swing“ waren zu einfach. „First Lady of Song“? Ella. „The Pres“? Lester Young. „Earl“? Earl Hines, rief jemand aus den hinteren Reihen. Fachpublikum.

Auch Goldsby hat jemandem einen Ehrentitel gegeben. „You Can Call Him Maestro“ entstand in einem Hotel in Baden-Baden, wo seine Frau, die Pianistin Robin Meloy Goldsby, regelmäßig spielte. Dort übernachteten zahlreiche Dirigenten, die im Festspielhaus auftraten, und John konnte sie schlicht nicht auseinanderhalten. Also nannte er sie alle „Maestro“. „Tolles Konzert gestern, Maestro!“


Zweiter Teil: In the Hills und der Pausenhof


Nach der Pause eröffnete „In the Hills“, ein Stück, das Goldsby auch mit der WDR Big Band aufgenommen hat. Es ist auf dem Album „Big Band Bass“ (2025) zu hören, das seine 30 Jahre mit der Band würdigt und das an diesem Abend am CD-Tisch lag. Die meisten Arrangements darauf stammen von Bob Mintzer, „In the Hills“ dagegen hat Dave Horler arrangiert.

Im „Pausenhof“ las Steil die Fragen aus dem Briefkasten vor. Ein Fusion-Fan wollte wissen, ob Goldsby auch in dieser Sparte aktiv sei. Natürlich, als Jugendlicher habe er Musik vom Mahavishnu Orchestra und von Weather Report gespielt, „schwere Musik“. Aber eigentlich sei heute fast jede Aufnahme eine Fusion aus irgendwas, und er selbst sei eher der akustische Typ.

Die beste Geschichte des Abends kam bei der Frage nach dem Transport. Jahrzehntelang hat er für seinen Bass einen eigenen Sitzplatz im Flugzeug gekauft, damals oft in der Business oder sogar First Class. Heute reist der Bass in einer riesigen weißen Kiste, die aussieht „wie ein Mega-Kühlschrank“, als Gepäckstück. Mal wird sie kostenlos mitgenommen, mal kostet sie 300 Euro extra, mal gar nicht angenommen. Feste Regeln gibt es bis heute nicht. Einmal flog er von New York zu einem Konzert nach Chicago, öffnete die Kiste, und der Hals war gebrochen. Schnell einen Bass leihen. David Andres neben ihm nickte wissend.

Eine junge Fragestellerin wollte wissen, was sein Lieblingseis und seine Lieblingsfarbe sei. Kokos und Grün, wobei er einräumte, seine Frau behaupte, Jungs bekämen in der Schule schlicht weniger Farben beigebracht als Mädchen.

Und warum Musik als Beruf? Als Jugendlicher habe er mit Bands 10 oder 20 Dollar am Abend verdient, in den 70ern viel Geld. „Ich dachte, so leicht kann man Geld verdienen.“ Später merkte er, dass es gar nicht so viel Geld ist. Aber im Prinzip sei es keine Entscheidung gewesen: Er konnte sich schlicht nichts anderes vorstellen. Vielleicht, sagte er, ist das auch der beste Grund, Musiker zu werden.


Die Chefs der WDR Big Band


Eine diskret formulierte Frage aus dem Briefkasten: Mit welchem Leiter der WDR Big Band hat er am liebsten gearbeitet, und bei wem war er froh, als er wieder weg war (bitte ohne Namen)?

Als Goldsby 1994 kam, war der Niederländer Jerry van Rooyen gerade noch Chef, ein großer Showman und Arrangeur. Kurz darauf wurde Bill Dobbins aus New York Chefdirigent, „ein Genie“, eher Akademiker, der aber in jedem Big-Band-Stil schreiben konnte und eine eigene Sprache zwischen Klassik und Jazz hatte. Mit ihm habe er besonders gern gearbeitet. Danach kamen viele: Michael Abene, Jim McNeely, Bob Brookmeyer, Bill Holman, Vince Mendoza, Bob Mintzer. „Wenn ich jetzt Namen weglasse, kriege ich bestimmt eine E-Mail.“

Und die anderen? Er versuche auch mit schwerer oder schlecht geschriebener Musik sein Bestes zu geben, und auch mit Leitern, die sich vielleicht für erfahrener halten, als sie sind. „Aber dann bin ich froh, wenn sie weg sind.“ Namen nannte er keine.

Die letzte Publikumsfrage: Wie unterscheiden sich die Menschen auf der Welt? Seine Antwort war kurz und, wie ich finde, ziemlich weise. Die Kulturen seien verschieden, aber wenn man von Mensch zu Mensch kommuniziere, seien sich alle sehr ähnlich.


Blue Dahlia


Von Baden-Baden handelte auch das nächste Stück. In der historischen Lichtentaler Allee gibt es einen Dahliengarten, und dort hat Goldsby die Inspiration für „Blue Dahlia“ gefunden. Auf der Trio-CD „Segment“ (2020) heißt das Stück so, auf der Big-Band-Platte taucht es als „Dahlia Garden“ auf. Steil schlug vor, für solche Stücke nach dem Tourguide-Hashtag gleich eine neue Kategorie einzuführen: die „Baden-Baden-Balladen“. Eine traumhaft schöne Ballade, bei der es im Saal sehr still wurde.


Heartland: New York, Benny Goodman und ein Brief an Sonny Rollins


In der Rubrik über Johns Zeit in New York und beim WDR ließ Steil das Internet eine Liste der wichtigsten Big-Band-Leiter und Jazzmusiker seit 1970 erstellen und fragte jeweils: zusammengearbeitet, ja oder nein? Bei Toshiko Akiyoshi, Bob Brookmeyer, Maria Schneider, Jim McNeely, Bill Holman und Vince Mendoza, bei Wynton Marsalis, Michael Brecker und John Scofield kam ein Ja, bei Wayne Shorter, Herbie Hancock, Keith Jarrett, Chick Corea, John McLaughlin und Miles Davis ein Nein.

Gibt es jemanden, mit dem er gern gespielt hätte? Sonny Rollins. Goldsby hatte ein Interview mit dem Bassisten George Duvivier gehört, der als junger Mann seinem Idol Coleman Hawkins einen Fan-Brief geschrieben und daraufhin einen Job bekommen hatte. Also schrieb er Sonny Rollins einen Brief. Eine Antwort kam nie. „Das ist das Music Business. Manchmal klappt es, manchmal nicht.“

Wie viele Konzerte hat er gespielt? Er hat nie nachgezählt. In New York seien zehn Gigs pro Woche normal gewesen, 15 auch, zwei oder drei am Tag. Über 500 im Jahr seien es in seiner Hochphase sicher gewesen. New York sei so kompakt, als hätte man eine ganze Tournee in einer Stadt.

Der wichtigste Mensch dieser Zeit war Red Mitchell. Viele hielten Ray Brown für den größten Bassisten, aber Mitchell habe immer versucht, gerade nicht wie Ray Brown zu klingen. „Red hat immer gesagt, Jazz bedeutet, deine eigene Identität zu finden.“ Mitchell wurde Mentor und Freund, und wenn er selbst Klavier spielte, holte er Goldsby an den Bass.


Benny Goodman und Buddy Rich


Ein bisschen Klatsch musste sein. Benny Goodman, mit dem Goldsby gespielt hat, gilt als extrem distanzierter und schwieriger Chef, und von Buddy Rich gibt es berüchtigte Mitschnitte, wie er seine Band im Tourbus beschimpft. Goldsby erklärte das als eine altmodische Art der Führung: Manche hätten geglaubt, wenn sie alle anschreien, spielten die besser. Als junger Musiker habe ihn das manchmal schockiert, aber er habe versucht, in das böse Gesicht zu schauen und zu fragen: Was will er mir sagen, was kann ich besser machen, um der Musik zu dienen?

Buddy Rich habe ihn übrigens mehrmals angerufen. Er habe jedes Mal abgelehnt. Die Band war monatelang unterwegs, und New York war für seine Entwicklung der wichtigste Ort. Außerdem, sagte er grinsend, wusste er, dass Rich praktisch jeden Bassisten nach zwei Wochen feuerte, und dann säße er irgendwo in Ohio und käme nicht nach New York zurück. Steil musste lachen: Für seine Generation sei Buddy Rich einer der ganz großen Namen. „Buddy Rich hat angerufen, und ich hatte nicht so richtig Lust.“ Das muss man auch erst mal sagen können.


Von New York nach Köln


Warum verlässt jemand, der in New York so gefragt ist, die Stadt? Die Antwort war privat. Seine Frau Robin spielte ebenfalls zwei, drei Gigs am Tag, meistens in Hotels. Kennengelernt haben sie sich im Grand Hyatt an der Grand Central Station, „Donald Trumps erstes großes Immobilienprojekt“, wie er anmerkte. Mit einem Baby ist das Leben zweier Freelancer schwer. Dann war er mit dem Schlagzeuger Louie Bellson auf Europatournee, „sehr, sehr nett, im Vergleich zu anderen Schlagzeugern“. Bei einem Konzert in den Niederlanden hörte der Manager der WDR Big Band zu und lud ihn ein: Der langjährige Bassist Jean Warland sei gerade in Pension gegangen. Es folgten mehrere Probespiele, 1994 die feste Stelle.

Ein weiterer Grund hat mich nachdenklich gemacht: In New York sah er seine Helden und Mentoren, 20, 30 Jahre älter als er, die noch immer dieselben Gigs spielten wie er. „Ich habe gedacht: In 30 Jahren spiele ich dieselben Gigs wie mein Lehrer.“ Da sei der Umzug nach Europa keine schlechte Idee gewesen. Es wurden 30 Jahre daraus.


Die Sache mit den Grammys


Steil hatte ihn in der Anmoderation mit sieben Grammy-nominierten Alben und drei Gewinnern vorgestellt. Goldsby korrigierte das freundlich: Den Grammy bekommen der Bandleader oder der Solist. Er könne sagen, er habe auf Grammy-prämierten Platten gespielt, und bekomme dafür ein Zertifikat der Recording Academy, aber nicht, er habe einen Grammy gewonnen. Darunter ist der Soundtrack zu Francis Ford Coppolas Film „The Cotton Club“ von 1984, auf dem er Bass spielt. Mit der WDR Big Band als Ensemble gab es mehrere Auszeichnungen, etwa für „Some Skunk Funk“ mit den Brecker Brothers. Einmal war er selbst bei der Verleihung, mit seinem ehemaligen WDR-Kollegen, dem Posaunisten Marshall Gilkes: „wie eine große Maschine“.

Die letzte Frage dieser Runde: Wenn du einen einzigen Konzertabend deines Lebens konservieren könntest, welcher wäre es? „Heute Abend.“ Großer Applaus, und Steil versprach, ihm die Aufnahme zu schicken.


Haitian Fight Song


Für mich der stärkste Moment des Abends kam danach. In der Rubrik „Bennys Wunschhit“ wählt Steil selbst ein Stück aus, und er entschied sich für „Haitian Fight Song“ von Charles Mingus. Die Wahl hatte für ihn drei Gründe, alle mit dem Bass: eine Komposition eines der größten Bassisten, ein Stück, das er unter der Leitung des Bassisten und Arrangeurs John Clayton in einer seiner schönsten Musikwochen gespielt hatte, und ein Stück, in dem John Goldsby und David Andres gemeinsam an ihren Bässen glänzen konnten.

Aber Steil wurde auch deutlich. Mingus nahm das Stück 1957 für sein Album „The Clown“ auf, als Ode an den Triumph der Freiheit gegen Verfolgung und Unterdrückung. In den Liner Notes schrieb er sinngemäß, er könne es nicht richtig spielen, ohne an Vorurteile, Hass und Verfolgung zu denken. Es sei Traurigkeit darin, aber auch Entschlossenheit. Und obwohl der Titel auf die Haitianische Revolution anspielt, sagte Mingus, das Stück könne genauso gut „Afro-American Fight Song“ heißen.

Dann sprach Steil über die Gegenwart. Viele Menschen seien unzufrieden, hätten Zukunftsängste oder das Gefühl, die Politik könne ihre Probleme nicht lösen, und davon nehme er sich selbst nicht aus. Aus dieser nachvollziehbaren Verzweiflung heraus gewännen aber Kräfte an Zuspruch, deren Lösungen erschreckend an die Fehler der Vergangenheit erinnerten. Er sei überzeugt, dass Populismus und Rassismus unsere Probleme nicht lösen, sondern im Gegenteil.

Ich fand diesen Moment stark, gerade weil er nicht aufgesetzt wirkte. Eine Stunde vorher hatte John Goldsby erzählt, wie er als Junge in einem getrennten Louisville aufwuchs, wie sein Glaube an die Gleichheit aller Menschen auf eine Wirklichkeit traf, die das Gegenteil lebte, und wie die Musik ihm einen Weg aus dieser engen Welt zeigte. Mingus’ Stück war in diesem Zusammenhang kein Exkurs, sondern die logische Fortsetzung. Und musikalisch war es ein Wirbelsturm: zwei Kontrabässe, die sich gegenseitig anstacheln, ein Bandsound, der knurrt und tobt. Selten hat sich eine Ansage so direkt in Musik übersetzt.


Let’s Talk About: das Jetzt und das Morgen


In der letzten Gesprächsrunde ging es um die Gegenwart. Seit Dezember 2024 ist Goldsby nicht mehr bei der WDR Big Band, sein letztes Konzert hieß passenderweise „Bassic Goldsby – 50 Years Onstage!“. Wird er langsamer? Ein bisschen. Er genieße die Zeit mit seiner Frau, die beiden Kinder sind erwachsen, und es gibt ein zehn Monate altes Enkelkind. Aber im Kopf habe er immer ein neues Ziel, ein neues Projekt, in drei Monaten, in einem Jahr. „Das Schöne am Jazz: Wenn man älter wird, kann man einfach langsamer spielen.“

Das nächste Projekt steht schon fest. Am 5. Dezember spielt er mit einem neuen Quartett junger Musiker im King Georg in Köln, ein paar Tage später geht es ins Studio. Vermisst er den großen Klang der Big Band? Die Kollegen, manche Projekte, ja. Aber nach 30 Jahren sei es eine runde Sache gewesen, Platz für einen Nachfolger zu machen.

Ist er noch nervös vor Konzerten? Nein, denn was solle schon Schlimmes passieren. Was ihm heute noch dieselbe Freude macht wie früher: der erste Ton des Tages auf dem Kontrabass. „Das ist, wie wenn die Sonne aufgeht.“

Und was würde er seinem 20-jährigen Ich sagen? Damals habe er beim Spielen viel Angst gehabt, sich ständig gefragt, ob er richtig spiele, ob er so spiele, wie die älteren Musiker es wollten. „Ich würde sagen: einfach keine Angst haben.“

Wo sieht er sich in zehn Jahren? Keine Ahnung. Er plane nicht in die Zukunft, er mache einfach tagtäglich weiter. Steil versprach, ihn in zehn Jahren wieder einzuladen.


Things That Go Bump und Angelica


Nach den „Benny’s Lounge Nachrichten“ (dazu unten mehr) und den Danksagungen kam das letzte Stück: „Things That Go Bump“, benannt nach der englischen Redewendung „things that go bump in the night“. Gemeint ist das Gefühl, nachts von einem Geräusch aufzuschrecken und zu denken: Was war das? Was gespenstisch klingt, ist musikalisch eine gut gelaunte, verspielte Nummer mit brasilianischem Einschlag. Der passende Soundtrack für den Moment danach, wenn man merkt: Ach nee, ist ja doch alles gut.

Ohne Zugabe lässt Steil sein Publikum nie gehen, und diese hatte eine schöne Pointe. „Angelica“ stammt von Duke Ellington und ist auf dem Album „Duke Ellington & John Coltrane“ zu hören, aufgenommen 1962 an einem einzigen Tag: treffen, proben, aufnehmen, fertig. „Eigentlich genauso wie bei Benny’s Lounge.“ Ein Ohrwurm, den man auf der Heimfahrt nicht so schnell loswird. Steil gab dafür noch einen Rat mit: Bitte mit Tempo 30 Richtung Autobahn, denn Marvin Frey, der Gast der letzten Folge, habe den Kulturetat der Stadt offenbar gleich mit einem Teil seiner Gage über den Blitzer unterstützt.


Mein Fazit


Ich bin, wie bei den beiden Abenden zuvor, mit der Erwartung gekommen, einen hervorragenden Musiker zu hören. Ich bin gegangen mit dem Gefühl, einen Menschen kennengelernt zu haben. Ein Junge aus einer Predigerfamilie in Kentucky, der die Kirche über die Garage verließ, mit 20 Johnny Hartman begleitete, im New Yorker Flur schlief, Buddy Rich absagte, Sonny Rollins einen Brief schrieb, auf den nie eine Antwort kam, und 30 Jahre lang das Fundament einer der besten Big Bands der Welt war. Und der auf die Frage nach dem schönsten Konzertabend seines Lebens mit „heute“ antwortete. Man nahm es ihm ab.

Benny’s Lounge funktioniert, weil Benjamin Steil seine Gäste ernst nimmt, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen. Er ist gut vorbereitet, hakt nach, lässt Pausen zu und hat den Mut, an der richtigen Stelle auch politisch zu werden. Die Hausband aus Jerry Lu, David Andres und Thomas Sauerborn verdient ein eigenes Lob, weil sie sich ohne erkennbaren Aufwand auf jede Richtung einlässt, in die der Gast sie führt. Und die Kulturvereinigung Limburg und die Bigband des Jazzclub Limburg, die den Saal bis halb zwei Uhr nachts auf- und gleich wieder abbauen, sind die stillen Helden dieser Reihe.


Termine


Aus den „Benny’s Lounge Nachrichten“, der einzigen Nachrichtensendung mit ausschließlich positiven Meldungen:

  • 11. und 12. Dezember 2026: „Kind of Christmas“, Weihnachtskonzert der Bigband des Jazzclub Limburg im DGH Lindenholzhausen, wegen der großen Nachfrage erstmals an zwei Abenden. Für den 11. Dezember haben wir uns natürlich direkt an der Abendkasse zwei Karten gesichert. Letztes Jahr hat uns eine erneute Corona-Infektion den Besuch vermasselt, dieses Mal soll nichts mehr dazwischenkommen.

  • Frühjahr 2027: Benjamin Steil spielt im Musical „Cabaret“ am Stadttheater Gießen.

  • 17. April 2027: Benny’s Lounge, Folge 14, mit dem Swing-Klarinettisten Engelbert Wrobel. Laut Steil „als würde ein deutscher Regisseur nach Hollywood reisen und den Amerikanern erklären, wie man Western dreht“.

  • 23. Oktober 2027: Benny’s Lounge, Folge 15, Gast noch offen.

  • 5. Dezember 2026: John Goldsby Quartet im King Georg, Köln.


Setliste


# Titel Komposition Hintergrund / Aufnahme

1

Benny’s Lounge

Benjamin Steil

Titelmelodie der Reihe

2

Sergio

John Goldsby

Segment (John Goldsby Trio, 2020); Big Band Bass (WDR Big Band, 2025, arr. Michael Abene)

3

Fall Calls

John Goldsby

Segment (2020)

4

Embraceable You / Quasimodo

George & Ira Gershwin (1928) / Charlie Parker

„Quasimodo“: Charlie Parker Sextet, Dial, 17. Dezember 1947, u. a. mit Miles Davis

5

You Can Call Him Maestro

John Goldsby

Big Band Bass (2025, arr. Bob Mintzer)

6

In the Hills

John Goldsby

Big Band Bass (2025, arr. Dave Horler)

7

Blue Dahlia

John Goldsby

Segment (2020); als „Dahlia Garden“ auf Big Band Bass (2025, arr. Bob Mintzer)

8

Haitian Fight Song

Charles Mingus

The Clown (Atlantic, 1957); erste Aufnahme bereits 1955

9

Things That Go Bump

John Goldsby

Segment (2020)

Zugabe

Angelica

Duke Ellington

Duke Ellington & John Coltrane (Impulse!, aufgenommen 26. September 1962, veröffentlicht 1963)

Disclaimer
Der Text ist unter Zuhilfenahme von claude-AI entstanden. Informationen zu den Aufnahmen stammen von MusicBrainz.

Sieben Leben in einem Bass – John Goldsby zu Gast in Benny's Lounge

https://kursikowski.com/2026/10/24/benny-lounge-13-goldsby/

Author

Peter Kursikowski

Posted on

2026-10-24

Updated on

2026-10-27

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